LANGZEITSTUDIEN UND SELBSTORGANISIERENDE PROZESSE
 |
Langzeitstudien |
Die Bedeutung von Langzeitstudien wird in jüngster Zeit
besonders in der Psychotherapie unterschätzt. In der
Entwicklungspsychologie hingegen ist es aufgrund neuerer
Entwicklungsmodelle naheliegend geworden, einen
Perspektivenwechsel zu vollziehen. Die Neurobiologie und das
Anerkennen dynamischer Selbstorganisation machten diese Wende
nötig. Das Modell eines statischen und linear vorhersehbaren Wachstums wurde
von einem dynamischen interaktionellen Wachstumsmodell abgelöst.
Hierzu ist es notwendig, stetig neu entfaltende Aspekte zu
berücksichtigen und in der Forschung längsschnittliche Ansätze
zu verwenden: Die einer Entwicklungsvariation vorausgegangenen
Wachstumsbedingungen sind von grosser Wichtigkeit. Ähnlich
verhält es sich in der Psychotherapie: Die
Bedingungen, welche zu einer Blockierung in
der Persönlichkeitsentwicklung führten, sollten vor einer
wieder in Gang gekommenen heilsamen Fortentwicklung verstanden und in ihren Qualitäten und
Besonderheiten im Verlauf untersucht werden.
Erst in Längsschnittuntersuchungen wird schliesslich klar, dass
jeweils gleichartige manifeste Störungen dennoch
unterschiedliche
Entwicklungsvariationen darstellen können. Auch wenn Kinder zu
einem bestimmten Zeitpunkt ähnliche Symptome zeigen, befinden
sie sich tatsächlich auf unterschiedlichen Entwicklungslinien,
welche nicht als abweichendes Verhalten und Emotionen im Sinne
des klassischen Störungsbegriffes verstanden werden dürfen.
 |
Die Untersuchung selbstorganisierender Prozesse |
Die dynamische Betrachtungsweise von Entwicklung hat gezeigt,
dass die kindliche Entwicklung als ein
Prozess qualitativer
Neuorganisationen gesehen werden kann, welche durch
spontane Prozesse der Selbstorganisation gesteuert werden. So verstehen
z.B. Petermann, Niebank & Scheithauer (“Risiken in der
frühkindlichen Entwicklung” 2000, S. 18) “Entwicklung als
spontanes Auftreten von
Funktionen höherer Ordnung nach wiederkehrenden
Interaktionen zwischen Funktionen einfacherer Ordnung”.
Neuorganisationen treten in belastenden Phasen als Übergänge
auf, so dass bisherige Muster aufbrechen und neue, unvorhergesehene
Muster entstehen.
Statt einer an statistischen Beziehungen orientierten
Betrachtungsweise und
einer rein deskriptiven Psychopathologie sollte sich besonders in der
Psychotherapie von Kindern und Jugendlichen mit jahrelangen
Entwicklungsbelastungen (z.B. Mobilitätsbehinderungen
oder Geburtsgebrechen) die Sichtweise einer
dynamischen,
längsschnittlichen Entwicklungsperspektive durchsetzen und
Erkenntnisse aus unbelasteter oder abweichender Entwicklung
sowie deren
Interaktionsprozesse studiert werden.
|